Experteninterview: Die wichtigsten SAP CX Updates erklärt
Anders Landig:
Thomas, schön, dass du da bist.
Wir möchten heute über ein Thema sprechen, das in den vergangenen Wochen große Aufmerksamkeit erzeugt hat: die Ankündigungen der SAP auf der Sapphire.
Für diejenigen, die die Veranstaltung nicht kennen: Die SAP Sapphire ist die wichtigste internationale Veranstaltung der SAP. Dort stellt das Unternehmen seine Vision für die Zukunft vor, präsentiert technologische Innovationen und gibt Orientierung darüber, wohin sich das SAP-Portfolio entwickelt. Gleichzeitig werden dort oft konkrete Neuerungen angekündigt, die für Kunden relevant sind.
Wir waren selbst vor Ort und du verantwortest bei uns das SAP-Portfolio. Deshalb würde ich gerne mit dir über die wichtigsten Erkenntnisse sprechen.
Ein Begriff, der über der gesamten Veranstaltung schwebte, war das „Autonomous Enterprise“. Provokant gefragt: Arbeitet morgen überhaupt noch jemand im Unternehmen?
Thomas Winter:
Ich glaube schon, dass wir morgen noch ins Büro kommen und feststellen werden, dass unser Schreibtisch nicht von einer KI übernommen wurde. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass Dinge wie Interviews führen oder Kaffee trinken noch eine ganze Weile menschlich bleiben.
Was wir allerdings beobachten, und das entspricht auch der Vision der SAP, ist ein zunehmender Einsatz von KI in der täglichen Arbeit. KI hält Einzug in Prozesse, Querschnittsfunktionen und letztlich in nahezu alle Unternehmensbereiche. Prozesse werden dadurch Schritt für Schritt autonomer.
Genau diese Vision hat SAP mit dem Konzept des „Autonomous Enterprise“ beziehungsweise im CX-Umfeld mit „Autonomous CX“ vorgestellt. Die Idee dahinter ist, dass künftig über den gesamten End-to-End-Prozess hinweg agentische Systeme Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterstützen und Aufgaben eigenständig übernehmen.
Natürlich hat SAP auf früheren Sapphire-Veranstaltungen schon viele Ideen präsentiert, die später wieder verschwunden sind. Trotzdem ist das Thema diesmal besonders spannend. Die Richtung ist klar erkennbar und die technologischen Möglichkeiten sind heute deutlich konkreter als noch vor einigen Jahren.
Ein großer Vorteil der SAP liegt dabei in den Unternehmensdaten. Vor allem im ERP liegen enorme Mengen an Wissen vor. Hinzu kommen die Daten aus Sales, Service, Marketing und anderen kundenorientierten Prozessen. Dieses Wissen darüber, wo Kunden aktiv waren und an welchen Interaktionen sie beteiligt waren, bildet eine hervorragende Grundlage für intelligente Unternehmenssteuerung. Deshalb verfolgen wir diese Entwicklung sehr aufmerksam.
Anders Landig:
Wenn du auf die gesamte Veranstaltung blickst: Was waren für dich die drei wichtigsten Erkenntnisse?
Thomas Winter:
Die wichtigsten Erkenntnisse waren für mich nicht unbedingt die großen Botschaften aus den Keynotes, sondern vor allem die greifbaren Veränderungen.
An erster Stelle steht ganz klar die neue SAP Business AI Platform. SAP schafft damit eine neue Klammer rund um das Thema künstliche Intelligenz. Die Plattform ist eine Weiterentwicklung der SAP Business Technology Platform, kurz BTP.
Wir setzen die BTP seit vielen Jahren erfolgreich ein, beispielsweise für Side-by-Side-Anwendungen oder Kundenportale. In den vergangenen Jahren kamen immer mehr KI-Services hinzu. Mit der Business AI Platform führt SAP diese Entwicklungen nun konsequent zusammen.
Neu hinzu kommen Themen wie die SAP Business Data Cloud (BDC), Data Products, der Zugriff auf unstrukturierte Daten sowie Joule Studio 2.0, das künftig das bisherige SAP-Build-Portfolio ablösen wird.
Unternehmen können damit eigene Agents entwickeln, Anwendungen erstellen oder auch Pro-Code-Lösungen umsetzen. Aus unserer Sicht ist genau diese Plattform das zentrale Fundament für die Umsetzung des autonomen Unternehmens.
Anders Landig:
Also eine Plattform, in der verschiedene SAP-Produkte zusammengeführt werden und die künftig das Zentrum für Daten und KI bilden soll?
Thomas Winter:
Genau. Die Plattform liefert die AI Foundation, auf deren Basis Unternehmen Anwendungen entwickeln können. Diese lassen sich anschließend mit Lösungen wie SAP Sales Cloud, SAP Field Service & Asset Management, CPQ oder ERP-Systemen verbinden.
Anders Landig:
Und die zweite Erkenntnis?
Thomas Winter:
Der zweite Punkt betrifft das bisherige SAP Field Service Management.
Hier gab es eine wichtige strategische Änderung: Aus FSM wird künftig SAP Field Service & Asset Management, kurz FSA.
Interessant dabei ist, dass dieses Thema in den öffentlichen Sapphire-Keynotes kaum sichtbar war. Wer die Entwicklung verstehen wollte, musste tatsächlich vor Ort sein.
Aus unserer Sicht ist das eine sehr positive Entwicklung. SAP bereinigt damit das eigene Produktportfolio. Lösungen wie Multi Resource Planning werden eingestellt und bisher getrennte Themen rund um Asset Management und Field Service werden zusammengeführt.
FSA wird künftig strategisch weiterentwickelt und nimmt innerhalb des Portfolios eine deutlich stärkere Rolle ein.
Für bestehende Kunden bedeutet das zunächst keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Es müssen keine Lizenzen umgestellt werden und bestehende Implementierungen bleiben erhalten.
Gleichzeitig investiert SAP stark in die Weiterentwicklung der Lösung. Das gesamte User Experience Design wird modernisiert und auf Fiori umgestellt. Auch die mobile App wird vollständig überarbeitet. Statt eine zweite App bereitzustellen, entwickelt SAP die bestehende Anwendung konsequent weiter.
Für Kunden bedeutet das vor allem: Entwicklungen beobachten, die neuen Releases im Blick behalten und die Möglichkeiten aktiv nutzen. Erste sichtbare Neuerungen gibt es bereits, beispielsweise im Bereich Kapazitätsplanung.
Anders Landig:
Und was ist dein dritter Punkt?
Thomas Winter:
Der dritte Punkt kommt aus dem Commerce-Umfeld.
SAP hat eine neue Commerce Cloud ERP Edition vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine vorkonfigurierte Shop-Lösung, die speziell auf den Midmarket ausgerichtet ist.
Die Lösung richtet sich vor allem an Unternehmen, die bereits auf SAP Public Cloud ERP setzen und nun einen digitalen Vertriebskanal etablieren möchten.
Der große Vorteil liegt in der Einfachheit. Unternehmen können sehr schnell eine Commerce-Lösung an ihre bestehende ERP-Landschaft anbinden und damit einen neuen digitalen Vertriebskanal eröffnen.
Spannend ist auch das Zusammenspiel mit Kundenportalen. Unternehmen, die bereits Portallösungen nutzen, können künftig Commerce-Prozesse deutlich einfacher integrieren.
Anders Landig:
Wenn man die gesamte Sapphire verfolgt hat, konnte durchaus der Eindruck entstehen, dass sich plötzlich alles verändert. Besteht aus deiner Sicht ein konkreter Handlungsdruck für SAP-Kunden?
Thomas Winter:
Nein. Niemand muss jetzt in Panik verfallen.
Viele Ankündigungen auf der Sapphire zeigen zunächst eine strategische Richtung auf. Deshalb sollte man die Neuerungen zunächst in Ruhe einordnen und beobachten, welche Entwicklungen tatsächlich über die kommenden Releases sichtbar werden.
Auch im Austausch mit SAP wird deutlich: Die Sapphire ist in erster Linie die große Bühne für Visionen und strategische Botschaften. Danach beginnt die eigentliche Arbeit der Produktteams.
Bis ein vollständig autonomes Unternehmen Realität wird, werden wir im SAP-Umfeld noch einige Entwicklungszyklen sehen.
Anders Landig:
Trotzdem scheint die Business AI Platform ein Thema zu sein, mit dem sich Unternehmen schon heute beschäftigen sollten.
Thomas Winter:
Definitiv.
Wir sehen viele Unternehmen, die bereits erste KI-Szenarien oder Agents aufgebaut haben. Häufig fehlt diesen Projekten allerdings noch der messbare Business Impact.
Jetzt geht es darum, KI zu skalieren und unternehmensweit nutzbar zu machen. Dafür schafft SAP nun die notwendigen technologischen Grundlagen.
Unternehmen sollten sich deshalb jetzt mit Themen wie Enterprise-Architekturen, Business Data Cloud und Data Products beschäftigen. Diese bilden die Basis für zukünftige KI-Anwendungen.
Noch wichtiger ist aber die Business-Perspektive. Unternehmen sollten sich fragen:
- Wo kann mich KI entlasten?
- Wo kann KI zu mehr Umsatz beitragen?
- Wie kann KI meinen Service verbessern?
- Welche konkreten Use Cases schaffen echten Mehrwert?
Genau dort beginnt eine erfolgreiche KI-Strategie.
Anders Landig:
Wenn Unternehmen diese Entwicklung nun aktiv angehen möchten: Wie kann SYBIT konkret unterstützen?
Thomas Winter:
Zunächst einmal können wir helfen, die vielen Ankündigungen richtig einzuordnen.
Wir stehen in engem Austausch mit SAP und verfolgen die Entwicklungen sehr genau. Dadurch können wir ziemlich gut einschätzen, welche Themen tatsächlich relevant sind und welche möglicherweise eher kurzfristige Trends bleiben.
In der Vergangenheit haben wir beispielsweise schon früh davor gewarnt, bestimmte Hypes zu überschätzen. Das betrifft etwa das SAP CX AI Toolkit, das groß angekündigt wurde, aus unserer Sicht aber keinen relevanten Business Impact entfaltet hat.
Ähnlich war es beim Thema Citizen Development im SAP-Build-Umfeld. Die Idee, komplexe Business-Anwendungen vollständig per Low Code umzusetzen, hat sich in der Praxis nicht durchgesetzt. Viele der von uns angesprochenen Limitationen haben sich später bestätigt.
Unser Anspruch ist es deshalb, Kunden nicht nur über neue Technologien zu informieren, sondern vor allem dabei zu unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und echten Geschäftswert zu schaffen.
Anders Landig:
Dann nehme ich drei zentrale Punkte aus unserem Gespräch mit:
Erstens: Es besteht kein Grund zur Panik. Unternehmen sollten die Entwicklungen aufmerksam verfolgen, aber nichts überstürzen.
Zweitens: Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um die Grundlagen für skalierbare KI-Architekturen zu schaffen und sich mit Themen wie Business Data Cloud, Enterprise AI und Use Cases auseinanderzusetzen.
Und drittens: Wer Orientierung braucht, sollte den Austausch suchen und die Entwicklungen gemeinsam mit erfahrenen SAP-Partnern bewerten.
Thomas Winter:
Genau das ist der entscheidende Punkt.
Jedes Unternehmen befindet sich aktuell an einem anderen Reifegrad. Manche starten gerade mit ihren ersten KI-Initiativen, andere haben bereits Agents produktiv im Einsatz und beschäftigen sich damit, diese stärker in Prozesse, Anwendungen und Kundenerlebnisse zu integrieren.
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, aus einzelnen Experimenten nachhaltige Mehrwerte zu schaffen. Genau dabei möchten wir unsere Kunden unterstützen.
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